Nummernschild 1982
Die Nummernschild-Mission
Der Flur roch nach Bohnerwachs und kaltem Kaffee, eine Mischung, die in der DDR vermutlich als offizieller Duft des öffentlichen Dienstes galt. Ich hatte eigentlich nur ein neues Nummernschild für mein Motorrad gebraucht. Ein simples Alublech, zwei Löcher, ein Stempel. Aber hier im Amt für Kraftfahrwesen fühlte sich das an wie ein diplomatischer Staatsakt.
Am Ende des langen Ganges saß sie. Die Frau mit der Uniform, die so perfekt saß, als wäre sie aus Pappe gefaltet worden. Hände ruhig verschränkt, der Blick irgendwo zwischen genervt und „tu mir den Gefallen und sei einfach normal“. Ein leises Surren brummte aus der alten Tischlampe, als wollte sie demonstrieren, dass sogar die Elektrizität hier Dienst nach Vorschrift schob.
Ich setzte mich. Der Stuhl wackelte, als würde er mich warnen.
„Anliegen?“ fragte sie, ohne jede Betonung.
„Nummernschild… für das Motorrad,“ sagte ich. Ein Satz, der in jeder freien Welt völlig harmlos wäre, hier aber klang, als würde ich um Ausreise bitten.
Sie musterte mich. Vielleicht war es der Gedanke, dass jemand freiwillig Motorrad fuhr. Vielleicht war es auch nur mein Gesicht. Schwer zu sagen.
Sie griff nach einem Formularblock, dessen Ecken aussahen wie trockenes Brot. Dann nach einem zweiten. Dann nach einer Mappe, in der vermutlich die Knochen aller früheren Antragsteller lagerten.
„Haben Sie das Formular 17b ausgefüllt?“
„Ich wusste nicht, dass es ein 17b gibt.“
Ein Nicken, das so viel bedeutete wie: natürlich wissen Sie das nicht, Sie amateurhafter Mensch.
Sie schob mir das Papier hin. Ich trug ein. Geburtsdatum, Adresse, Fahrzeugklasse, Motorleistung. Beim letzten Punkt hob sie eine Augenbraue.
„Zu viel PS für unsere Straßen,“ murmelte sie. „Aber bitte.“
Als ich fertig war, verschwand sie in einem Nebenzimmer, dessen Tür so langsam knarrte, als hätte sie ein eigenes Leiden entwickelt. Ich hörte Stempel, ich hörte Papier, ich hörte ein Seufzen, das vielleicht meins war.
Nach ein paar Minuten kam sie zurück, legte mir das fertige Dokument hin wie ein Stück Beweismaterial und sagte:
„Nummernschild gibt es am Fenster drei. Machen Sie keinen Unsinn.“
„Würde ich nie.“
Ihr Blick zweifelte.
Und so ging ich wieder hinaus in den grauen Tag, mit Formular 17b, einem gültigen Stempel und der seltsamen Überzeugung, dass in diesem Amt die Zeit nicht stehen blieb, sondern aufgegeben hatte.
Immerhin, dachte ich, das Motorrad wartet draußen. Und wenn es läuft, klingt es wenigstens lebendig. Unlike… na ja… dieser Flur.